Hausaufgaben sind nicht mehr zeitgemäß

In Kürze:

  • Die Gesellschaft und die damit verbundene Beschäftigungssituation der Eltern haben sich verändert.
  • «Hausaufgaben» sind nicht mehr zeitgemäss und sollten abgeschafft werden.
  • Wir sprechen grundsätzlich von Lernzeit und darüber, wo und wann diese stattfindet.
  • Freie Lernzeiten, in denen die Schülerinnen und Schüler (SuS) an selbstbestimmten Themen selbstverantwortlich arbeiten, können in den Stundenplan integriert
    werden. Diese freien Lernzeiten können auch an den Unterricht anschliessen und
    ersetzen damit die Hausaufgaben.
  • Entscheidendes Merkmal: Vorgegeben wird nicht mehr der Inhalt, sondern die Zeit.
  • In einem Log-Buch wird dokumentiert, woran gearbeitet wurde.
  • Lehrpersonen sichten und visieren diese Einträge. Am Ende der Woche erfolgt eine Rückmeldung und Würdigung.

Und nun der Reihe nach

Die Liste an Begründungen, weshalb an Hausaufgaben festzuhalten ist, ist lang. Dazu gehören «Verantwortung fürs eigene Lernen übernehmen», «sich selbst organisieren», «an eine Sache denken», «Termine einhalten», «individuell üben», «Pflichten erfüllen» und vieles mehr.

Eltern haben ein ambivalentes Verhältnis zu Hausaufgaben. Einerseits fürchten sie, ihre Kinder würden durch den Wegfall von Hausaufgaben nicht mehr genug lernen, andererseits bleiben Hausaufgaben ein schwieriges Familienthema.

Auch die Literatur transportiert immer dieselben Argumente pro und kontra, um es dann beim Alten zu belassen. So weist Hattie den Hausaufgaben keine bis moderate Lernwirkung zu.

Dazu kommt, dass es in einem differenzierenden Unterricht weder sinnvoll noch möglich ist, allen Lernenden die gleichen «Hausaufgaben» zu erteilen.

Die Schule muss erkennen, dass sich die Gesellschaft und die damit verbundene Beschäftigungssituation der Eltern verändert hat. Dazu können beengte Wohnverhältnisse, bildungsferne Eltern, sprachliche Verständigungsprobleme und – am anderen Ende des Spektrums – Stress durch Freizeitangebote in Sport und Musik dazukommen.

Davon nun abzuleiten, Tagesstrukturen oder organisierte Hausaufgabenstunden in der Schule würden «Hausaufgaben» retten, zielt in die falsche Richtung! Man darf didaktische Grundlagenarbeit nicht an Betreuungspersonen delegieren, indem man ihnen die Hausaufgabenbetreuung überlässt.

Werden Hausaufgaben abgeschafft, muss die Diskussion auf eine andere Ebene gebracht werden. Es muss über «Lernzeit» gesprochen werden und darüber, wann und wo diese stattfindet.

Über die Lernzeit

Grundsätzlich ist die gesamte Lebenszeit auch Lernzeit. In der Kind- und Jugendphase nimmt die schulische Lernzeit (Unterricht) nicht nur zeitlich einen bedeutsamen Raum ein. Die Frage ist, ob diese schulische Lernzeit im Unterricht für die Auftragserfüllung ausreicht – oder wie schulische Lernzeit an wirklich bedeutsamen Inhalten effizient genutzt werden kann.

Viele Lehrpersonen werden einwenden, dass sie mit «nur» schulischer Lernzeit im Unterricht «den Stoff» nicht bewältigen können. Diesen Lehrpersonen möchte ich entgegenhalten, dass es oft nicht darum geht, Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien vollständig «durchzunehmen» oder «abzuarbeiten», sondern den Blick aufs Wesentliche zu richten. Ein Unterricht, der mit schulischer Lernzeit auskommt, ist geprägt von Effektivität (das Richtige/Bedeutsame tun) und Effizienz (das Richtige richtig zu tun). Der Unterricht orientiert sich am Lernstand der Schülerinnen und Schüler, an erreichbaren Lernzielen und am Lehrplan.

Lernen nach Vorgabe und freie Lernzeit im Unterricht

Immer öfter lässt sich beobachten, dass Schulen auch Phasen freier Lernzeit in den Unterricht integrieren.

Eine Möglichkeit stellt die «Vorviertelstunde» dar: eine Ankommenszeit vor Unterrichtsbeginn, die Schülerinnen und Schüler freiwillig nutzen können, um an selbstgewählten Inhalten zu arbeiten. Alternativ werden im Stundenplan feste freie Lernzeiten definiert.

 

Die SuS werden in das freie Arbeiten eingeführt

Dies geschieht, indem immer wieder darüber reflektiert wird, wie die individuelle Lernzeit sinnvoll gestaltet und genutzt werden kann. Während in Deutschland dazu der Begriff EVA (eigenverantwortliches Lernen) verwendet wird, spricht man in der Schweiz meist von SOL (selbstorganisiertes Lernen).

Folgerichtig soll jede Lernzeit, die über den Unterricht hinausgeht (ob in der Tagesstruktur oder zu Hause), den Charakter von Freiarbeit haben.

Während bei den Hausaufgaben der Inhalt vorgegeben wurde, ist es bei der Freiarbeitszeit der zeitliche Umfang, den ein Kind selbstverantwortlich für schulisches Lernen nutzen muss.

Je nachdem, wo die Freiarbeit stattfindet, können Eltern bzw. Betreuungspersonen unterstützen, würdigen und anregen. Die Verantwortung für die Inhalte bleibt jedoch bei der Schülerin bzw. dem Schüler – so wie die Verantwortung für die eigene Lernzeit insgesamt in ihrer bzw. seiner Hand liegt.

Ein Log-Buch schafft Verbindlichkeit

  • Das Log-Buch deckt den Zeitraum einer Woche ab.
  • Das Kind dokumentiert im Log-Buch, welche Arbeiten es im vorgegebenen Zeitrahmen ausgeführt hat.
  • Am nächsten Morgen legt das Kind das Log-Buch unaufgefordert in eine Ablage.
  • Die Lehrperson sieht sich die Einträge an und visiert diese.
  • Am Ende der Woche erhält das Kind im Bereich «Würdigung» eine kurze Rückmeldung zur gewählten Freiarbeit der gesamten Woche.
  • Je nach Bedarf erfolgt zusätzlich ein Gespräch mit Hinweisen für die kommende Woche.

Das Log-Buch ist nur eine spontane Idee, wie Verbindlichkeit geschaffen werden kann. Ich bin überzeugt, dass Lehrpersonen weitere Formen entwickeln und erproben werden.

Ich gespannt auf Rückmeldungen zu diesem Artikel und freue mich über Anregungen und alternative Ideen zum Log-Buch.

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