Zusammenfassung der Zertifikatsarbeit von Sandro Tomaschett (CAS Unterrichtsentwicklung mit dem Churermodell, PHGR, 2026, Mentor: Reto Thöny)
Ausgangslage und Zielsetzung
Das Churermodell eröffnet durch kurze Inputs, freie Arbeitsplatz- und Partnerwahl sowie selbstständige Lernphasen neue Möglichkeiten für individualisiertes und kooperatives Lernen. Gleichzeitig stellt es hohe Anforderungen an die Selbstständigkeit der Schüler:innen. Die Fähigkeit, das eigene Lernen zu planen, zu steuern und zu reflektieren, kann jedoch nicht vorausgesetzt werden, sondern muss gezielt aufgebaut werden.
Ziel der Zertifikatsarbeit war es deshalb, selbstreguliertes Lernen (SRL) systematisch und praxisnah im Unterricht zu verankern. Dafür dienen die drei Lernbegleiter Spinne, Biene und Chamäleon, sowie die folgend vorgestellten Instrumente. Gemeinsam sollen diese Instrumente eine einheitliche Sprache über das Lernen schaffen und die Schüler:innen schrittweise zu selbstständigen Lernenden entwickeln.
Theoretische Grundlagen: SRL und überfachliche Kompetenzen
Selbstreguliertes Lernen beschreibt einen dynamischen Prozess, in dem Lernende ihr Lernen bewusst planen, überwachen, steuern und reflektieren. Es umfasst drei Phasen: die präaktionale Phase (Vorbereitung), die aktionale Phase (Durchführung) und die postaktionale Phase (Reflexion). Das Turbinen-Modell nach Karlen unterscheidet dabei sechs Bereiche: Kognition, Metakognition, Emotionen, Motivation, Ressourcen und Mindset. (Karlen, 2026, S. 39–52)
Die überfachlichen Kompetenzen des Lehrplans 21 bilden dazu die Zielvorstellung. Sie umfassen personale, soziale und methodische Kompetenzen und beschreiben, WAS Schüler:innen können sollen. SRL liefert konkrete Strategien und Vorgehensweisen, also das WIE. Beide Bereiche ergänzen sich und werden durch die entwickelten Instrumente miteinander verbunden. (EKUD, 2016, S. 28–31; Karlen, 2026)
Drei Tiere als Lernbegleiter und Strategievermittler
Die sechs Bereiche des Turbinen-Modells werden zu drei einprägsamen Kategorien zusammengefasst. Die Tiermetaphern machen theoretische Konzepte für Kinder verständlich und erleichtern deren Anwendung im Schulalltag.
- Die Spinne – Kognition: Sie steht für das Verarbeiten und Speichern von Informationen. Wie eine Spinne ein tragfähiges Wissensnetz spinnt, verknüpfen Schüler:innen neues Wissen mit ihrem Vorwissen. Wiederholungs-, Elaborations- und Organisationsstrategien helfen dabei, Inhalte zu verstehen, zu strukturieren und langfristig abzuspeichern. Beispielsweise können Eselsbrücken, Bilder und gedankliche Verbindungen neue Wissensfäden entstehen lassen.
- Die Biene – Metakognition und Ressourcen: Sie steht für das Denken über das eigene Denken. Schüler:innen planen ihre Arbeit, setzen Prioritäten, teilen Aufgaben ein und überprüfen regelmässig ihren Lernfortschritt. Dazu gehören Zeitplanung, Pausen, Routinen und das Einholen von Feedback. Wie eine Biene ihre Wege und Energie effizient nutzt, lernen Kinder, ihre verfügbaren Ressourcen bewusst einzusetzen.
- Das Chamäleon – Emotionen, Motivation und Mindset: Es symbolisiert Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Schüler:innen lernen, mit Unsicherheit, Frustration und Rückschlägen umzugehen, ihre Motivation aufrechtzuerhalten und an ihre Entwicklungsmöglichkeiten zu glauben. Emotionsregulation, Störungsmanagement und Strategien zur Förderung der Selbstwirksamkeit unterstützen sie dabei, auch bei Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben.
(Karlen, 2026, S. 41–52)
Instrumente zur Förderung des SRL im Unterricht
Strategiekarten – das persönliche Strategierepertoire
Die kompakten Karten im A6-Format machen Lernstrategien sichtbar und greifbar. Sie sind den drei Tieren zugeordnet und kennzeichnen, in welcher Lernphase sie eingesetzt werden. Auf der Vorderseite stehen Tier, Strategie und Phase; auf der Rückseite wird die Strategie kurz beschrieben. Die Karten dienen als Gedankenstütze, fördern die Verbalisierung und unterstützen den Aufbau eines persönlichen Strategierepertoires.
Ihre Einführung erfolgt schrittweise: Die Lehrperson schafft zunächst Bewusstsein für eine Strategie, erklärt und demonstriert deren Anwendung durch lautes Denken. Anschliessend probieren die Schüler:innen sie begleitet und zunehmend selbstständig aus. Feedback, Reflexion und Wiederholung festigen den Einsatz. Entscheidend ist dabei das deklarative, prozedurale und konditionale Strategiewissen: WAS eine Strategie ist, WIE sie funktioniert und WANN beziehungsweise WARUM sie sinnvoll ist. (Karlen, 2026, S. 56–63, 115)
Lernbegleitblätter – den Lernprozess phasenbezogen steuern
Drei Lernbegleitblätter orientieren sich an den Phasen des SRL:
- präaktional: Vorwissen aktivieren, Lernziele formulieren, Arbeitsschritte planen sowie Motivation und Ressourcen einschätzen.
- aktional: Zusammenhänge erkennen, das eigene Vorgehen überwachen und bei Bedarf Anpassungen vornehmen. Auch Motivation und Emotionen werden reflektiert.
- postaktional: Lernergebnisse und Zielerreichung überprüfen, zentrale Erkenntnisse festhalten und nächste Entwicklungsschritte ableiten.
Die Fragen verbinden kognitive, metakognitive und volitionale Aspekte. Gleichzeitig eignen sich die Blätter als Grundlage für individuelle Coachinggespräche. (Karlen, 2026, S. 102; Bühlmann & Zimmerli-Rüetschi, 2026)
Lernbegleitheft – Entwicklung dokumentieren und reflektieren
Das Lernbegleitheft bündelt die Instrumente an einem zentralen Ort. Es enthält das Single-Point-Raster, Seiten zur Dokumentation erworbener Strategien sowie regelmässige Reflexionsseiten. Wöchentlich setzen sich die Schüler:innen mit ihrem Lernprozess auseinander; quintalsweise erfolgt eine vertiefte Rückschau. Dadurch werden Lernfortschritte sichtbar, Strategien wiederholt und deren Nutzen bewusst reflektiert. Das Heft dient zudem als Grundlage für Lernentwicklungsgespräche. (Karlen, 2026, S. 116–123)
Gesprächskarte – Lernbegleitung strukturieren
Die Gesprächskarte verbindet das PELZ-Modell (Problem klären, Entscheidung treffen, Lösungen entwickeln, Ziele sichern) mit dem Berg des Lernens und dem MAGIC-Modell. Letzteres umfasst Modellieren, Artikulieren, gestütztes Üben, Individualisierung und Coaching. Zusammen mit SMART-Zielen und Skalierungsfragen entsteht ein Leitfaden für kurze Beobachtungs- und ausführliche Lernentwicklungsgespräche. Die Lehrperson unterstützt gezielt, ohne den Lernenden die Verantwortung abzunehmen. (Karlen, 2026, S. 181–211)
Single-Point-Raster – überfachliche Kompetenzen beurteilen
Das Raster orientiert sich an den acht überfachlichen Beurteilungskategorien des Kantons Graubünden. Es definiert ein angestrebtes Kompetenzniveau («gut») und ergänzt dieses um Entwicklungsmöglichkeiten sowie Belege für besondere Leistungen. Statt Defizite zu bewerten, stehen individuelle Fortschritte und nächste Entwicklungsschritte im Zentrum. Das Raster ist Bestandteil des Lernbegleithefts und dient als Grundlage für Standortbestimmungen und Beurteilungsgespräche. (Karlen, 2026, S. 81–82; EKUD, 2016)
Erkenntnisse und Ausblick
Die zentrale Erkenntnis lautet: Selbstreguliertes Lernen entsteht nicht automatisch durch offene Unterrichtsformen. Es benötigt explizite Strategievermittlung, regelmässige Übung, gezielte Lernbegleitung und Reflexion. Das Churermodell bietet dafür den strukturellen Rahmen, während die drei Tiere die theoretischen Grundlagen kindgerecht übersetzen und die Instrumente miteinander verbinden.
Die Lehrperson übernimmt zunehmend die Rolle einer Lernbegleiterin beziehungsweise eines Lernbegleiters. Die Verantwortung für den Lernprozess wird schrittweise an die Schüler:innen übertragen. Die entwickelten Materialien bilden dafür eine Grundlage, die im Unterricht erprobt, weiterentwickelt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüft werden muss. Ziel ist eine Lernkultur, in der Kinder ihr Lernen zunehmend bewusst, eigenständig und verantwortungsvoll gestalten. (Karlen, 2026; Nölte & Wampfler, 2021)