Hausaufgaben im Churermodell

Hausaufgaben in der jetzigen Form sind in der Grundschule/ Primarschule nicht mehr zeitgemäss

Die Liste an Begründungen, die für Hausaufgaben sprechen, ist lang. Dazu gehören «Verantwortung fürs eigene Lernen übernehmen», «sich selbst organisieren», «an eine Sache denken», «Termine einhalten», «individuell üben», «Pflichten erfüllen» und vieles mehr.

Eltern haben ein ambivalentes Verhältnis zu Hausaufgaben. Einerseits fürchten sie, ihre Kinder würden durch den Wegfall von Hausaufgaben nicht mehr genug lernen, andererseits bleiben Hausaufgaben ein schwieriges Familienthema.

Die Fachdiskussion wägt stets dieselben Argumente ab – und belässt es beim Alten. Gemäß Hattie hängt die Wirkung von Hausaufgaben stark von der Stufe ab und ist auf der Primarstufe besonders gering.

Dazu kommt, dass es in einem differenzierenden Unterricht weder sinnvoll noch möglich ist, allen Lernenden die gleichen «Hausaufgaben» zu erteilen.

Die Schule muss erkennen, dass sich die Gesellschaft und die damit verbundene Beschäftigungssituation der Eltern verändert haben. Dazu kommen beengte Wohnverhältnisse, bildungsferne Eltern, sprachliche Verständigungsprobleme und – am anderen Ende des Spektrums – Stress durch Freizeitangebote.

Davon nun abzuleiten, Tagesstrukturen oder organisierte Hausaufgabenstunden in der Schule würden «Hausaufgaben» retten, zielt in die falsche Richtung! Man kann didaktische Grundlagenarbeit nicht an Betreuungspersonen delegieren.

Werden Hausaufgaben «abgeschafft», muss die Diskussion auf eine andere Ebene gebracht werden. Es muss über «Lernzeit» gesprochen werden und darüber, wann und wo diese stattfindet.

Lernen nach Vorgabe und selbstbestimmte Lernzeit

Das gesamte Leben ist de facto Lernzeit – fremd- wie auch selbstbestimmt. Schulische Lernzeit ist definiert durch Unterrichtszeiten, wobei in der Tradition des schulischen Lernens  Hausaufgaben dazugehören, um Lernziele zu erreichen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Unterrichtszeit für das Erreichen der Lernziele allein nicht ausreicht. Es ist an der Zeit, dies zu hinterfragen.

Ein Unterricht, der mit schulischer Lernzeit auskommt, ist geprägt von Effektivität (das Richtige/Bedeutsame tun) und Effizienz (das Richtige richtig tun). Der Unterricht orientiert sich am Lernstand der Schülerinnen und Schüler, an den Grundkompetenzen und am Lehrplan.

Was wir oft ausser Acht lassen, ist zudem, dass SuS lernen wollen, auch wenn dies nicht verordnet wird – oder gerade weil es nicht verordnet wird. Selbstbestimmung schafft Motivation und Selbstverantwortung. 

Freie Lernzeit vor dem Unterricht, im Unterricht und danach

Wie selbstbestimmte Lernzeit konkret aussehen kann, zeigen drei Formen:

Beispiel Start in den Schultag mit «Meine Lernzeit»
Der Schultag startet gestaffelt: Bereits 15-20 Minuten vor dem offiziellen Beginn dürfen die
Kinder freiwillig eintreffen und mit der individuellen Lernzeit («MLZ») starten. Dieser
gestaffelte Einstieg erlaubt es der Lehrperson, jedes Kind beim Eintreten persönlich zu
begrüssen und wahrzunehmen, wie es ihm geht. Für die Ankunft gelten klare, eingeübte
Regeln: leise eintreten, Material bereitstellen, Lernaufgabe und Lernort selbst wählen. Die Lehrperson legt dazu Lernaufgaben bereit.

Beispiel: Lernaufgaben bereitgestellt für Sprache und Mathematik

Beispiel: Übergang von MLZ in den Unterricht
«Meine Lernzeit» kann auch nach dem Start in den Unterricht für 20-30 Minuten weitergeführt werden, damit jene SuS, die pünktlich zum Unterrichtstart eingetroffen sind, auch Erfahrungen mit selbstbestimmtem Lernen machen können.

Beispiel: Freiarbeit in den Stundenplan einplanen
Es besteht auch die Möglichkeit, Zeiten für freies Arbeiten im Stundenplan fest einzuplanen.

„Ich bestimme“-Hausaufgaben – eine Form, die zum Churermodell passt

Merkmal dieser Form: die Lehrperson legt die Dauer für die Lernzeit fest, die SuS bestimmen selbstverantwortlich den Inhalt. Damit bildet die Idee der selbstorganisierten Lernzeit vor und nach dem Unterricht eine konzeptionelle Klammer.

  • Lehrpersonen bestimmen für jeden Jahrgang, wie lange die freie Lernzeit ausserhalb des Unterrichts mindestens dauern soll (z.B. für das 3. Schuljahr 20 Minuten).
  • Die SuS bestimmen die Inhalte, woran sie arbeiten wollen und sichern sich die notwendigen Arbeitsunterlagen.
  • Werden die Arbeiten in der Betreuungsstruktur der Schule ausgeführt, sorgt die Betreuungsperson für Präsenz. Die Didaktik bleibt bei der Lehrperson. 
  • Arbeitet der Schüler/die Schülerin zu Hause, ist dies eine gute Gelegenheit für Eltern,  Anteil zu nehmen und einen Einblick zu erhalten. Darauf wird am Elternabend hingewiesen.
  • Am Ende der Lernzeit: Die SuS notieren in ihrem Log-Buch, was sie gemacht und wie lange sie gearbeitet haben. 
  • Am nächsten Morgen legen die SuS ihr Logbuch im Klassenzimmer in ein Ablagefach.
  • Die Lehrperson schaut sich die Einträge an, visiert/zeichnet diese und spricht SuS allenfalls darauf an oder fordert einen Nachweis für die erbrachte Arbeit. Am Freitag erhalten die SuS eine kurze Würdigung zur Wochenarbeit mit
    Hinweisen für die nächste Woche.
  • Gibt es Arbeiten, die von der Lehrperson korrigiert werden müssen, können diese zusammen mit dem Log-Buch in die Ablage gelegt werden. Für die Selbstkontrolle bleibt Zeit in «meine Lernzeit». 
  • Will ein Kind freiwillig übers Wochenende arbeiten, kann es dies auch im Log-Buch eintragen, damit die Arbeit auch entsprechende Würdigung durch die Lehrperson erfährt.
  • Jede Woche startet mit einem neuen Log-Buch 

Das Log-Buch schafft Verbindlichkeit für die SuS und sichert den Kontakt zwischen Betreuung/Elternhaus und Schule. Das Log-Buch kann unterschiedlich aussehen und auch unterschiedlich benannt werden. Hier als Beispiel ein Mini-Book-Log-Buch.

Geltungsbereiche: Unterschiedliche Umsetzung der freien Lernzeit auf unterschiedlichen Schulstufen

Gut vorstellbar ist die Umsetzung der freien Lernzeit in der Grundschule 3/4 oder in der Schweiz auf der Mittelstufe der Primarschule.
Mit 1./2. Klassen ist „meine Lernzeit“ bereits gut erprobt. Auch „Ich bestimme“- Hausaufgaben sind möglich, jedoch ohne Log-Buch.
Auf der Sek I und im Gymnasium mit verbindlichen Hausaufgaben müsste die freie Lernzeit mit einem Lernjournal verbunden werden, das mehr der Planung als der Rechenschaftslegung dient.

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