Etwas kann nicht stimmen

Eine vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) bei gfs.bern in Auftrag gegebene Untersuchung zum Integrativen Unterricht zeigt: Sieben von zehn befragten Lehrpersonen stimmen der Aussage zu, leistungsstarken und hochbegabten Schüler:innen im Integrativen Unterricht nicht gerecht werden zu können. Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Ansicht, dass das allgemeine Leistungsniveau der Schüler:innen gesunken ist. Dagmar Rösler, Präsidentin der Geschäftsleitung des LCH, sieht in einem Radiointerview den Grund darin, dass der Fokus möglicherweise zu stark auf die Förderung lernschwacher Schülerinnen und Schüler gelegt wurde. Als Lösung fordert sie mehr Ressourcen zur Förderung lernstarker Schüler:innen.

Eigentlich müssten gerade leistungsstarke Schüler:innen von Integrativem Unterricht besonders profitieren, da zum gleichen Thema Lernaufgaben auf mehreren Anspruchsstufen bereitstehen. Die Aussage der befragten Lehrpersonen legt jedoch nahe, dass in der Praxis vielerorts weiterhin klassischer Klassenunterricht stattfindet. Ein solcher Unterricht wird den heterogenen Herausforderungen kaum gerecht und stellt insbesondere für Kinder mit ADHS ein kaum lösbares Konstrukt dar.

Liebe Frau Rösler, würde nach 10 bis 15 Jahren Integration nicht ein Wechsel zu wirklich differenziertem, individualisiertem Unterricht mehr Sinn machen – statt weitere Ressourcen in zusätzliche Lehrpersonen zu investieren, die weitere Schnittstellen schaffen und damit für Klassenlehrpersonen mehr Absprachen und mehr administrativen Aufwand verursachen? Man wird das Gefühl nicht los, dass guter Unterricht für viele einzig eine Frage der verfügbaren Ressourcen ist. Es scheint einfacher, Leidensdruck zu signalisieren und nach mehr Ressourcen zu rufen, als den Unterricht selbst zu verändern.

Denn wenn 50 % der Schüler:innen eine sonderpädagogische Massnahme zugesprochen erhalten (ebenfalls ein Ergebnis dieses Berichts), kann etwas mit dem System grundsätzlich nicht stimmen.

Ein Kommentar

  1. Teilweise stimme ich der Kritik zu. Grundsätzlich nur irgendwelches Personal in die Unterrichtsstunden zu stecken ist nicht sinnvoll. Ich spreche mal gerade aus dem Fach Mathematik heraus.
    Ich habe 5 Mathestunden pro Woche in einer zweiten/dritten Klasse. Meine Klassen wurden aus jahrgangsgemischten Gruppen, die ich stark favourisiere) neu zusammengestellt und ich habe die Situation eine sogar relativ kleine Gruppen von 22/25 Kindern zu unterrichten.
    Ich habe in der zweiten, wie auch in der dritten Klasse Kinder, die das 20er Feld und auch entsprechende unstrukturierte oder auch anders strukturierte Mengen nicht verinnerlicht haben, Ich habe Kinder, die die Verdopplungsaufgaben auswendig wissen, aber nicht erkennen können, warum man sie nutzen können, um eins größere/kleiner Aufgaben zu rechnen. Es gibt Kinder, die schon im nächsten Zahlraum rechnen können, welche, die das Einmaleins auswendig wissen aber nicht, was es bedeutet, Kinder, die die Grundaufgaben können, aber nicht ausreichend im 100 ZR addieren und subtrahieren können, um diese zu nutzen und natürlich viele Fähigkeiten und Problemstellen dazwischen.
    Dazu kommen natürlich die Kinder mit Förderstatus (GE/L), die manchmal noch auf ganz anderem Niveau arbeiten und teilweise ganz andere Bedürfnisse in Mathematik haben.
    Mir hilft natürlich nur bedingt, wenn ich eine/n ErzieherIn oder meine Deutsch-Fachkraft mit im Unterricht habe oder irgend jemanden, der wöchentlich für eine Stunde „mal kurz kommt“, um zu unterstützen.
    Aber zu behaupten, alles lasse sich durch individualisierteres Unterrichten/Lernen managen ist einfach falsch. Auch wenn meine SchülerInnen und Schüler alle Arbeitsaufträge lesen und verstehen könnten, benötigen sie alle dennoch den Austausch. Mathematik lebt vom Austausch, nicht von individualisierten Lernplänen, in denen alle vor sich hinarbeiten. Und um dahin zu kommen, sich untereinander austauschen und sinnvoll Zahlbeziehungen und Aufgabenbeziehungen besprechen zu können, benötigen Sie ausreichend sinnvolle Anleitung. Dies ist mit einem kurzen Input nicht getan. (Kinder müssen lernen dürfen, wie sich sich fachlich austauschen und das braucht gute Anleitung und Zeit.)
    Bei all dem habe ich noch nicht einmal von den Kindern gesprochen, die zwar rechnen können aber den Wortschatz oder das Sprechvermögen nicht haben, sich auszutauschen.
    Selbst in den jahrgangsgemischten Gruppen, in denen ich sehr selbstverständlich kleine Grüppchen oder teilweise sogar individuell unterrichtet habe, während die anderen Gruppen an ihren Aufgaben arbeiten mussten/konnten, fehlte mir einfach Zeit… Es gab auch hier nur 5 Mathestunden. D.h. jede Erklärungszeit/Mathekonferenzen o.ä. pro Jahrgang musste durch 3 geteilt werden. Mehr Zeit gab es nicht. Ich konnte mich ja nicht teilen.
    Und tatsächlich gibt es meiner Meinung nach einen Unterschied zu „früher“. Früher gab es einfach die Kinder, die eine 4,5 oder 6 auf dem Zeugnis hatten, ohne dass so sehr nach dem Grund gesucht wurde. Heute sucht man nach den Gründen, wo kann besser gefördert werden, wo liegen die Knackpunkte, liegt eine Teilschwäche, Sprachbarriere, Wahrnehmungsstörung oder eine Intelligenzminderung vor? Und natürlich findet man diese dann und versucht dem Kind entsprechend zu helfen. All dies tun wir Lehrkräfte nebenbei in unseren Beobachtungen (auch dafür sind die Unterrichtsgespräche in kleinen Gruppen Gold wert), in den Tests, die wir nebenher durchführen (oft genug in zusätzlichen Randstunden als unbezahlte Überstunde).
    Mehr Personal allein ist nicht die Lösung, das stimmt. Aber sinnvoll verwendetes, qualifiziertes zusätzliches Fachpersonal !!! wäre ein großer Gewinn.

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