- Reto Thöny
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In Kürze:
- Hohe Leistungsanforderungen zusammen mit einem eng geführten Unterricht und einer defizitären Ausrichtung bringen ADHS-Kinder/Jugendliche in eine schwierige Situation – die sich oft als Störung des Unterrichts äussert.
- ADHS-Kinder/Jugendliche brauchen einen Unterricht, der sowohl Struktur wie auch Offenheit bietet.
- Das Churermodell schafft dazu gute Voraussetzungen – wenn Struktur und Begleitung bewusst mitgedacht werden.
Eins nach dem anderen
Frontaler Unterricht verlangt genau das, was ADHS-Kinder am wenigsten zuverlässig können: stillsitzen, passiv zuhören, Impulse über lange Zeit unterdrücken, im Gleichschritt mit allen anderen funktionieren. Das ist kein Versagen des Kindes – es ist ein strukturelles Mismatch.
Symptome von ADHS-Kindern und Jugendlichen zeigen sich nach Praxiserfahrung nie kontextunabhängig, sondern stärker oder schwächer, je nachdem, wie gut die Umgebung zu den neurologischen Bedürfnissen passt. Wenn dieselben Kinder in einer anderen Unterrichtsanlage weniger auffällig werden, liegt nahe, dass das Setting einen echten Unterschied macht.
Das Churermodell bietet von seiner Anlage her gute Möglichkeiten, eine bessere Passung zur Disposition der ADHS-Kinder und Jugendlichen herzustellen. Dazu braucht es jedoch Struktur und Begleitung. Die Anlage allein schafft es nicht.
Das Churermodell begünstigt die Situation für ADHS-Kinder/Jugendliche
Individuelle Anpassung
Aufgaben auf dem eigenen Niveau vermeiden Über- und Unterforderung, beides klassische ADHS-Trigger für Unruhe und Frustration.
Bewegungsfreiheit
Offene Unterrichtsformen erlauben mehr Bewegung (Materialien holen, Arbeitsplatz wechseln), was den Bewegungsdrang dämpfen kann.
Eigenes Lerntempo
Kein starrer Frontalrhythmus. Kinder können in Phasen hoher Konzentration mehr leisten, in schwachen Phasen pausieren.
Kooperatives Lernen
In frei gewählten Konstellationen können ADHS-Kinder die Impulskontrolle trainieren und soziale Stärken (Spontaneität, Kreativität) sichtbar machen.
Weniger sozialer Stress
Niveaustufen sind für alle sichtbar – zu langsam sein oder sich mit einfacheren oder schwierigeren Lernaufgaben zu beschäftigen, wird von Mitschüler:innen weniger wahrgenommen oder spielt keine Rolle mehr
Lehrperson als Begleitung
Mehr Zeit für individuelle Zuwendung – mit dem Kind die Situation besprechen und passendes Setting suchen.
Das Churermodell schafft auch Herausforderungen
Überforderte Offenheit
Selbstorganisation ist die Kernkompetenz, die bei ADHS-Kindern am stärksten beeinträchtigt ist. Freie Wahl von Aufgaben und Reihenfolge kann befreien, aber auch lähmen.
Ablenkungsreiche Umgebung
Viele simultane Aktivitäten erhöhen die Ablenkung deutlich – besonders kritisch bei ADHS vom Unaufmerksamkeits-Typ
Planungsprobleme
Offenes Arbeiten erfordert exekutive Funktionen (Planen, Priorisieren, Zeitgefühl) – genau das, was ADHS-Kindern Schwierigkeiten bereiten kann.
Übersehen werden
Stille, unaufmerksame Kinder (v.a. ADS-Typ) können in offenen Settings unauffällig wegdriften und «abtauchen».
Fehlende externe Struktur
ADHS-Kinder brauchen oft klare, externe Strukturen als Gerüst.
Frustration bei Kooperation
Impulskontrollprobleme können die Zusammenarbeit erschweren – Konflikte, Ausgrenzung oder dominantes Verhalten sind möglich.
Fazit / Bewertung
Rituale als externe Exekutivfunktion
Was ADHS-Kinder intern nicht zuverlässig abrufen können – Sequenzierung, Zeitgefühl, Übergang – können gut etablierte Rituale von aussen übernehmen: der immer gleiche Tageseinstieg, das gleiche Zeichen für den Wechsel, die gleiche Platzroutine. Das Churermodell lässt hier Spielraum, der gut oder schlecht genutzt werden kann.
Wahlmöglichkeiten
Allen Schülerinnen und Schülern werden immer wieder Wahlmöglichkeiten zugestanden, auch bezüglich der Lernorte und der Wahl der Lernpartner:innen. Das Lernangebot setzt auf Passung, so dass Überforderungssituationen – auf die ADHS-Kinder/Jugendliche mit Symptomen reagieren – redziert werden.
Lernbegleitung als Beziehungsarbeit
Bei ADHS wirkt Struktur am besten, wenn sie von einer vertrauten Person kommt. Eine Lehrperson, die das Kind kennt und dosiert interveniert – nicht zu früh, nicht zu spät –, ist schwer zu ersetzen. Das setzt voraus, dass die Lehrperson überhaupt Zeit und Überblick hat, was im Churermodell möglich, aber bewusst geschaffen werden muss.
Aufbau von Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung
ADHS-Kinder und Jugendliche haben gute und weniger gute Tage, einfachere und schwierigere Situationen. Die Lehrperson baut gemeinsam mit dem betreffenden Schüler/der betreffenden Schülerin Strategien auf, wie er oder sie sich in solchen Momenten verhalten kann. Zu Beginn ist der Schüler/die Schülerin darauf angewiesen, dass die Lehrperson diese Strategien auslöst. Steigt die Selbstwahrnehmung, kann der Schüler/die Schülerin die Situation zunehmend selbst einschätzen und die passenden Strategien selbst auslösen.
Sehr empfehlenswert für diesen Aufbau der Kompetenzen zur Lebensbewältigung ist die «Ich schaffs!»-Methode von Ben Furman, die auf dem lösungsorientierten Ansatz aufbaut und Kindern hilft, eigene Fähigkeiten Schritt für Schritt selbst zu entwickeln.