Positive Bildung und das Churermodell

Positive Bildung befasst sich mit der Frage, was Menschen benötigen, um sich bestmöglich zu entwickeln. Im Zentrum steht dabei die Selbstwirksamkeitserwartung der Lernenden. Forschungsergebnisse zeigen zudem deutlich, dass Wohlbefinden beim Lernen einen entscheidenden Einfluss auf Produktivität und Leistungsfähigkeit hat (Lichtinger, 2024). Schüler:innen (SuS), die sich wohler fühlen, erzielen bessere Leistungen und haben weniger Fehlzeiten (Chaves, 2021, S. 282). Es lohnt sich daher aus mehreren Gründen, sich mit Positiver Bildung auseinanderzusetzen.

Martin Seligman entwickelte mit dem PERMA-Modell ein Konzept der Positiven Psychologie, das sich auch für den schulischen Kontext eignet. PERMA beschreibt fünf Säulen des Wohlbefindens:

  • Positive Emotionen (Positive Emotions)
  • Engagement (Engagement)
  • Beziehungen (Relationships)
  • Sinnhaftigkeit (Meaning)
  • Leistung (Accomplishment)


Wer sich vertieft mit Positiver Psychologie und Positiver Bildung auseinandersetzen möchte, findet am Ende dieses Beitrags Literaturhinweise. Die Anlage des Churermodells bietet gute Voraussetzungen, die Anliegen der Positiven Bildung umzusetzen. Oft genügt es bereits, im Bewusstsein der Positiven Bildung zu handeln und Chancen zu nutzen, die sich durch das Churermodell ergeben. Dazu einige Hinweise:

Positive Emotionen (Positive Emotions)

Positive Emotionen entstehen aus Erlebnissen wie Freude, Dankbarkeit, Verbundenheit und Zufriedenheit. Menschen neigen jedoch dazu, negative Emotionen stärker wahrzunehmen und höher zu gewichten als positive. Erst bei einem Verhältnis von 3:1, also drei positiven zu einer negativen Erfahrung, verändern sich Denken, Verhalten und Wohlbefinden nachhaltig (Stäheli, 2025). Grund genug, auch im Unterricht positive Emotionen den SuS bewusst zu machen.

Im Churermodell…

  • Im Tageseinstieg kann in einer Befindlichkeitsrunde auf Gefühle eingegangen werden.
  • Reflexionsphasen bieten Raum, um positive Erlebnisse zu benennen, z. B. mit Satzanfängen wie: Darauf bin ich stolz… oder Das ist mir heute gut gelungen…
  • Partizipation kann motivierend wirken und positive Emotionen erzeugen – etwa bei der Wahl von Lernaufgaben, Lernpartnern und Lernorten. Es macht SuS stolz, dass man ihnen das zutraut.
  • Jemandem helfen zu können, löst ebenfalls positive Gefühle aus («helper’s high», van der Linden, 2015, zit. in Stäheli, 2025).
  • Im Churermodell erhalten die SuS immer wieder die Möglichkeit, «Zugehörigkeit» herzustellen und sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen.
  • Momente der Dankbarkeit können bewusst gemacht werden: Wofür bist du heute dankbar?
  • Die Gestaltung des Lernraums zielt bewusst auf Wohlbefinden und damit auf positive Emotionen ab.
  • Das «offene Schulzimmer»: Wenn die SuS bereits vor dem Unterricht das Schulzimmer betreten dürfen, können sie mit einem Lächeln, einem kurzen Gespräch, einer Nachfrage nach ihrem Befinden begrüsst werden. Anschliessend wenden sie sich einem selbstgewählten Inhalt resp. einer selbstgewählten Lernaufgabe zu, bis der Unterricht mit allen im Kreis beginnt. «Meine Lernzeit» kann viel zu einem positiven Einstieg in den Schultag beitragen.
  • Die Arbeit im Kreis fördert Gemeinschaft: «…und hie und da ist es wie am Lagerfeuer» (Aussage eines 2. Klässlers aus Zürich).


Engagement (Engagement)

Engagement beschreibt das vollständige Aufgehen in einer Tätigkeit und die Nutzung eigener Stärken. Wenn Anforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht sind, kann Flow entstehen. Selbstwirksamkeitserwartungen, Stärkenorientierung und Charakterbildung spielen dabei eine zentrale Rolle.

Im Churermodell…

  • Lernangebote sind auf unterschiedlichen Anspruchsstufen verfügbar. «Lernleitern» (ladders of learning) und «Meilensteine» (milestones) machen Fortschritte sichtbar und stärken die Selbstwirksamkeitserwartung.
  • Offene Lernaufgaben bieten vielfältige Zugänge.
  • Eine offene Begegnung mit dem Lerngegenstand – bevor ein Verfahren erklärt wird – erlaubt kreatives Denken, ohne Angst vor Fehlern (fördert positive Emotionen).
  • Klarheit, was man zuerst können muss (Grundanforderungen), bevor erweiterte Lernanforderungen angegangen werden, gibt Orientierung und Sicherheit und etappiert die Zielerreichung.
  • Wer Mitschüler:innen hilft oder sich als Expert:in erlebt, erkennt eigene Stärken.
  • Auf Basis ihrer Stärken können SuS z. B. Lernclubs für Mitschüler:innen anbieten.
  • Das Vertrauen der Lehrperson in die Lernfähigkeit stärkt das Growth Mindset der Lernenden.
  • Die Erfahrung, Ziele durch Anstrengung zu erreichen, vermittelt das Gefühl: Ich kann mehr schaffen, wenn ich es wirklich will.


Beziehungen (Relationships)

Beziehungen beschreiben die Bedeutung unterstützender, verlässlicher sozialer Kontakte für das Wohlbefinden. SuS entwickeln ein Gefühl von Zugehörigkeit, lernen kooperativ zu handeln und Kommunikations- sowie Konfliktlösungsstrategien anzuwenden.

Im Churermodell…

  • «Je öfter wir im Kreis sind, desto mehr verbindet sich unsere Klasse» (Aussage einer 5. Klässlerin aus Pontresina).
  • Gemeinsames und gegenseitiges Lernen fördert Zugehörigkeit und das Gefühl, als Lerngemeinschaft unterwegs zu sein.
  • Die Wahl von Lernorten und Lernpartnern erfordert kontinuierliche Aushandlungsprozesse, die wiederkehrend reflektiert werden.
  • Die Gelassenheit der Lehrperson wirkt vertrauensbildend und ermutigend.
  • Rückmeldungen ersetzen Lob – sie fördern Entwicklung statt Abhängigkeit von Bewertung.
  • Lehrpersonen reagieren sensibel auf Ausgrenzungen.
  • Bevor Lehrpersonen eingreifen, vertrauen sie auf die Fähigkeit der SuS zur Selbstregulation.


Sinnhaftigkeit (Meaning)

Sinnhaftigkeit bedeutet, den persönlichen Wert und Nutzen einer Tätigkeit zu erkennen. Wenn SuS Verantwortung für ihr Lernen übernehmen sollen, müssen sie verstehen, wozu sie etwas tun.

Im Churermodell…

  • Ein Teil der Inputphase widmet sich bewusst der Frage nach dem «Why».
  • Die Leitidee «Lernen musst du selbst – aber nicht allein» setzt voraus, dass Ziele und Nutzen bekannt sind.
  • Mit der Wahl einer Lernaufgabe schätzen SuS ihren Lernstand ein und entscheiden für sich, welcher nächste Lernschritt nun ansteht. Selbstverständlich begleitet die Lehrperson diesen Prozess, was den Lernenden wiederum Sicherheit gibt.
  • In Reflexionsphasen kann die Sinnfrage erneut aufgegriffen werden: Was weiss oder kann ich jetzt mehr? Wozu kann ich das Gelernte nutzen? Welchen Sinn macht es, das zu können oder zu wissen?


Leistung (Accomplishment)

Leistung umfasst das Setzen und Erreichen von Zielen. Erfolg stärkt Selbstwirksamkeit und Stolz – besonders, wenn Ziele herausfordernd sind.

Im Churermodell…

  • SuS verfügen über klare Informationen zur passenden Einstiegsstufe und kennen die Lernerwartung der Lehrperson.
  • Das Churermodell unterstützt einen förderorientierten Ansatz, der das Growth Mindset stärkt. Selbstwirksamkeitserwartung wird gestärkt durch Vorgabe oder Wahl erreichbarer Lernziele.
  • Partizipation am eigenen Lernen steigert Selbstverantwortung.
  • In Reflexionsphasen denken die Lernenden über ihre Zielerreichung und ihren individuellen Lernzuwachs nach.
  • Stolz entsteht, wenn sie ihr Bestes gegeben haben.
  • Portfolios machen Lernfortschritte sichtbar und dokumentieren Erfolge.

Quellen und weiterführende Literatur

Brohm, M. & Enders, W. (2017). Positive Psychologie in der Schule. Die «Glücksrevolution» im Schulalltag. Beltz.

Lichtinger, U. (2022). Positive Schulentwicklung. Springer VS.

Lichtinger, U. (2024). Positive Bildung für die schulische Praxis. Beltz Juventa.

Stäheli, C. (2025). Einführung in die Positive Bildung (Neuauflage 2025). hep Verlag.

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